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Verben

Die Hauptfunktion der Verben ist es, das Prädikat eines Satzes zu bilden. Das Prädikat ist die zentrale Einheit des Satzes und enthält immer mindestens eine finite Verbform.

Neben den morphologischen Merkmalen zur Kennzeichnung der grammatischen Kategorien (Person, Numerus, Modus, Tempus, Genus) lassen sich die Verben unter syntaktischen und semantischen Gesichtspunkten beschreiben.

I.  Syntaktische Kriterien

Für die Einordnung der Verben nach syntaktischen Kriterien werden sie in Klassen eingeteilt und nach ihrer Valenz gegliedert.

1.  Verbklassen

Verben werden nach der Fähigkeit eingeteilt, das Prädikat in einem Satz zu übernehmen.

1.1.  Vollverben

Diese Verben bilden das Prädikat ohne Hilfe eines anderen Verbs und verfügen über eine eigene Semantik. Die Vollverben bilden die größte Klasse der Verben.

1.2.  Hilfsverben (Auxiliare)

Die Hilfsverben haben, sein und werden besitzen keine eigene Semantik. Zusammen mit einem Vollverb bilden sie Tempus- und Modusformen und das Passiv.

Tempusformen:
Perfekt: haben bzw. sein + Partizip Perfekt
Sie haben gegessen.
Sie sind lange gelaufen.
   
Plusquamperfekt: Präteritumformen von haben bzw. sein + Partizip Perfekt
Sie hatten gegessen.
Sie waren lange gelaufen.
   
Futur I: werden + Infinitiv Präsens
Sie werden essen.
   
Futur II: werden + Infinitiv Perfekt
Sie werden gegessen haben.
Modusform:
Konjunktiv: Konjunktivformen von haben/sein bzw. würde
Sie würden zu spät kommen, wenn sie vorher noch gegessen hätten.
Passiv:
Vorgangspassiv: werden + Partizip Perfekt
Sie werden abgeholt.
Zustandspassiv: sein + Partizip Perfekt
Die Untersuchung ist abgeschlossen.

1.3.  Modalverben

Die Modalverben können, dürfen, müssen, sollen, wollen, mögen bilden zusammen mit dem Infinitiv des Vollverbs das Prädikat eines Satzes.

Modalverb Modalität
können Möglichkeit, Fähigkeit, Erlaubnis, Vermutung
dürfen Erlaubnis, Vermutung (Konj.)
müssen Notwendigkeit, Vermutung
sollen Auftrag, Empfehlung, Redewiedergabe
wollen Wille, Notwendigkeit (Passiv), Redewiedergabe
mögen Wunsch, Einräumung, Vermutung

Die Modalverben lassen sich im Gebrauch unterscheiden.

1.3.1.  Modalverben mit objektiver Aussage (auch: deontische Modalität)

Dabei bezeichnet das entsprechende Modalverb eine Fähigkeit, Möglichkeit, einen Wunsch, einen Auftrag, eine Erlaubnis bzw. Notwendigkeit.

Sie können/wollen/möchten/sollen/dürfen/mÃŒssen die Aufgabe beenden.

Neben dieser Verwendung lassen sich mit Modalverben auch Vermutungen ausdrÃŒcken.

1.3.2.  Modalverben mit subjektiver Aussage (auch: epistemische Modalität)
Sie können/könnten/dürften/müssen/müssten/mögen es noch rechtzeitig schaffen.
(Vergangenheit: Modalverb + Infinitiv Perfekt)

Neben Vermutungen bzw. der Graduierung einer Einschätzung kann auch eine Redewiedergabe ausgedrückt werden.

Sie soll/will Verständnis für die Lage haben.
(Vergangenheit: Modalverb + Infinitiv Perfekt)
1.3.3.  Besonderheiten der Modalverben

Beachten Sie, dass mögen häufig als Vollverb gebraucht wird.

Gebrauch als Vollverb: Ich mag Kaffee.(generelle Aussage)
Gebrauch als Modalverb: Ich möchte Kaffee (trinken). (Wunsch)

Weitere Verwendungen von mögen:

1.4.  Kopulaverben

Die Kopulaverben sein, werden, bleiben bilden das Prädikat mit einem Nomen bzw. unflektierten Adjektiv.

1.5.  Funktionsverben

Das Funktionsverb bildet mit einem deverbalen Nomen actionis (abgeleiteten Substantiv) das Funktionsverbgefüge.

Funktionsverb + Nominalphrase
eine Antwort geben

Das Funktionsverb selbst hat dabei kaum Bedeutung, sondern vor allem syntaktische Funktion.

2.  Verben und Ergänzungen (Verbvalenz)

Verben lassen sich nach Art und Anzahl der Ergänzungen kategorisieren.

2.1.  Unpersönliche Verben

Unpersönliche Verben sind Verben, deren Subjekt bedeutungsleer ist und nur syntaktische Funktion hat. In der Regel handelt es sich bei dem Subjekt um das unpersönliche es. Zu diesen Verben zählen vor allem die Witterungsverben.

Einige der unpersönlichen Verben können gelegentlich auch mit einem anderen Subjekt als es verwendet werden.

Es klingelt. Der Besucher klingelt.

2.2.  Persönliche Verben

Persönliche Verben können in allen Personen gebraucht werden. Einige persönliche Verben lassen sich nur in der 3. Person gebrauchen.

2.3.  Absolute Verben

Absolute Verben sind Verben, die für einen grammatisch korrekten Satz außer dem Subjekt keine weiteren Ergänzungen verlangen. Diese Verben bezeichnen Aktivitäten oder Vorgänge.

2.4.  Relative Verben

Relative Verben sind Verben, die neben dem Subjekt noch weitere Ergänzungen brauchen. Bei den Ergänzungen handelt es sich in erster Linie um Akkusativobjekt, Präpositionalobjekt und Adverbialbestimmung. Auch Genitiv- und Dativobjekte können eine Ergänzung bilden.

2.4.1.  Transitive Verben

Transitive Verben sind Verben, deren Ergänzung ein Akkusativobjekt ist. Dieses Akkusativobjekt wird im Passiv zum Subjekt.

Der Schüler lernt Spanisch. Spanisch wird gelernt.

Einige Transitiva, die einen Besitz oder einen Inhalt ausdrücken, sind nicht passivfähig (bekommen, betragen etc.)

intransitiv verwendete Transitiva: Transitive Verben können intransitiv gebraucht werden, indem das Akkusativobjekt entfällt.

Sie kocht Gemüse. transitiver Gebrauch
Sie kocht gut. intransitiver Gebrauch
Das Gemüse kocht. intransitiver Gebrauch
2.4.2.  Intransitive Verben

Bei intransitiven Verben kann kein Akkusativobjekt stehen. Die Verben können ohne Ergänzung gebraucht werden (absolute Verben) oder mit einem anderen Objekt.

Die intransitiven Verben sind eingeschränkt passivfähig. Sie bilden ein unpersönliches Passiv, wenn es sich im Aktivsatz um ein Verb handelt, das eine Aktivität bzw. Handlung bezeichnet und in dem das Subjekt als echtes (belebtes) Agens verstanden wird.

2.5.  Reflexive Verben

Die reflexiven Verben werden in „echte” reflexive Verben und reflexiv gebrauchte Verben unterteilt.

2.5.1.  reflexiv gebrauchte Verben

Das Reflexivpronomen der reflexiv gebrauchten Verben lässt sich durch eine andere NP ersetzen.

2.5.2.  echte reflexive Verben
Er beeilt sich.
nicht: Er beeilt sie.

Neben der Ersetzung des Reflexivpronomens durch eine NP gibt es weitere Möglichkeiten zu untersuchen, ob es sich um ein echtes Reflexivverb handelt oder um ein reflexiv gebrauchtes.

Er beeilt sich.
nicht: Sich beeilt er.

Das Reflexivpronomen kann nicht im Vorfeld stehen.

Wem widerspricht er?
nicht: Wen beeilt er?

Das Reflexivpronomen lässt sich nicht erfragen.

2.6.  Reziproke Verben

Ähnlich wie die Reflexivverben lassen sich die reziproken Verben unterscheiden in reziproke Verben und reziprok gebrauchte Verben.

2.6.1.  echte reziproke Verben

Verben wie sich einigen, sich verkrachen etc. bezeichnen eine wechselseitige Beziehung von Subjekt und Objekt. Sie stehen im Plural und können in der Regel durch miteinander verstärkt werden. Im Singular wird die wechselseitige Beziehung zwischen Subjekt und Objekt durch ein mit mit angeschlossenem Präpositionalobjekt ausgedrückt.

2.6.2.  reziprok verwendete Verben

Reziprok verwendete Verben sind Verben, bei denen das reziproke Pronomen an der Stelle eines anderen Pronomens oder einer NP steht.

2.6.3.  reziproke Verbvarianten

Zu den reziproken Verbvarianten zählen Verben wie sich vertragen, sich aussprechen, sich treffen etc. Die zum Teil veränderte Bedeutung wird deutlich bei der Gegenüberstellung von reziproker Verbvariante und nicht reziprokem Verb.

Sie vertragen sich. Sie verträgt keinen Lärm.
Sie sprechen sich aus. Sie sprechen die Wahrheit aus.

II.  Semantische Kriterien

Bei der Einteilung der Verben nach semantischen Kriterien wird untergliedert in Bedeutungsklassen und Aktionsarten.

1.  Bedeutungsklassen

Die Verben lassen sich in folgende Bedeutungsgruppen unterteilen:

1.1.  Handlungsverben

Die Handlungsverben drücken die Agentivität des Subjekts aus.
arbeiten, lachen, laufen etc.

1.2.  Vorgangsverben

Vorgangsverben beschreiben einen Prozess, einen Vorgang, den das Subjekt weder bewusst noch unbewusst bestimmt. Die Vorgangsverben sind nicht agentiv.
aufwachen, einschlafen, verblühen, wachsen etc.

1.3.  Zustandsverben

Die Zustandsverben bezeichnen einen Zustand, ein Bestehen ohne Veränderung. Das Subjekt verlangt kein typisches Agens.
leben, liegen, schlafen, wohnen etc.

2.  Aktionsarten

Die Aktionsart eines Verbs beschreibt den Verlauf, die Dauer und das Ergebnis eines Vorgangs. Je nach zeitlichem Verlauf werden zwei Aktionsarten unterschieden, die perfektiven (telischen) und die durativen (atelischen) Verben.

2.1.  Perfektive Verben

Perfektive Verben beschreiben Vorgänge, die zeitlich begrenzt sind, also einen Anfangs- und Endpunkt haben.
einschlafen, abreisen, erblühen, finden, weggehen

Die perfektiven Verben lassen sich weiter unterteilen:

2.1.1.  

Inchoative Verben bezeichnen den Beginn eines Geschehens.

erblühen, losfahren

2.1.2.  

Resultative Verben bezeichnen das Ende eines Geschehens.

verblühen, aufessen

2.1.3.  

Punktuelle Verben bezeichnen einen Zeitpunkt, an dem etwas geschieht.

finden, treffen

2.1.4.  

Kausative Verben bezeichnen eine Handlung, die eine andere Handlung bzw. einen anderen Zustand verursacht.

öffnen, legen

2.2.  Durative Verben

Die durativen Verben beschreiben ein Geschehen, das andauert, zeitlich nicht begrenzt ist.
schlafen, leben, wissen

Hierzu sind die iterativen Verben zu zählen, die ein sich wiederholendes Geschehen bezeichnen.
plätschern, streichen